Unsere Apotheke im Wandel der Zeit

Mitten im Dreißigjährigen Krieg, am 11.November 1622, stellte Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm zu Neuburg den Gründungsbrief aus für das erste Kloster der Barmherzigen Brüder auf deutschem Boden. Seit damals hat sich in unserer Apotheke einiges verändert.

1622: Klostergründung – ein Kloster der Barmherzigkeit

In der Urkunde, deren Original erhalten ist, verpflichtet sich der Fürst, "... in unserer Residenz Vorstadt nit weit vor dem Augsburger Thor ..." zu Ehren des Heiligen Wolfgang ein Hospital zu errichten. Es entstand jedoch kein völliger Neubau: Ab dem Frühjahr 1623 wurde zunächst das ehemalige Wohnhaus und das Materiallager des Hofbaumeisters umgebaut. Am 21.Juli 1623 wurde der Grundstein zur Kirche gelegt.

Von einer Apotheke steht in der Gründungsurkunde nichts, sie muss aber von Anfang an im Hospital bestanden haben, denn etwa dreißig Jahre später wendet sich das Kloster an den Sohn des Stifters, Pfalzgraf Philipp Wilhelm, um Hilfe. In einer Urkunde vom 30.Oktober 1664 stellt dieser den Unterhalt des Klosters auf eine neue finanzielle Basis und schreibt darin, "... müssen die fratres misericordiae ... auch die Kranken mit Speis und Trank unterhalten, die medicos und Apotheker befriedigen." Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss es also eine "Apotheke der Barmherzigen Brüder" gegeben haben. Und da die ersten Räume des Klosters (nach einer noch Anfang 1991 in den damaligen Räumen des Chefarztes der Inneren Abteilung hängenden Urkunde) neben der Kirche an der Straßenfront lagen, dürften die damaligen Apothekenräume nicht weit entfernt davon gewesen sein.

 

Schon früher gab es Konkurrenzneid

Weil die Apotheker-Fratres an arme Kranke Arzneimittel verschenkten (und an nicht so ganz arme auch verkauften), reichte der Stadtapotheker auf dem Neuburger Stadtberg an die königlichen Behörden in München mehr als einmal Beschwerde über die Klosterapotheke ein.

Aber keine Revision konnte Fehler aufdecken – und schliesslich wurde unsere Apotheke 1806 neben der alten "Hofapotheke" als zweite Stadtapotheke durch königliches Edikt bestätigt.

 

So hatte das der gute Stadtapotheker bestimmt nicht erwartet!

Schwierige Jahre für Frater Ansgar

Der letzte Apothekenleiter im schwarzen Ordenshabit, Frater Ansgar Grimm, war über sechzig Jahre lang als Apotheker tätig!

1902 (?) legte er sein Staatsexamen als Apotheker ab, 1911 übernahm er die Leitung der Apotheke. Im dritten Reich musste er darum kämpfen, dass die ordenseigene Apotheke weiter arbeiten durfte - auf wachsenden Druck der Naziregierung hin wurde die Apotheke ab 1938 an einen "weltlichen" Apotheker verpachtet. Erst 1953 konnte er für den Orden selbst die Apotheke wieder betreiben.

Unser Chef hat ihn als Gymnasiast noch in der Apotheke kennengelernt. Im heutigen Beratungszimmer stand sein Schreibtisch, über den noch 1964 sämtliche Warenrechnungen zur Kontrolle zu laufen hatten. Vom Alter gebeugt, Belege in der Hand, um irgendetwas nachzufragen, so hat er ihn in Erinnerung.

Die schönen alten Apothekenräume waren bis 1952 in Betrieb. Sie gibt es heute noch - direkt neben unseren Apothekenräumen. Allerdings sind die Möbel verschwunden und die Deckenbemalung ist überstrichen.

 

Nach dem Krieg

In den "schlechten" Jahren nach dem Weltkrieg bauten die Barmherzigen Brüder an der Straßenfront einen Anbau im alten Stil an den oftmals umgebauten Altbau an. Heute würde man ihn als "Funktionstrakt" bezeichnen, denn er enthielt die Apotheke und in den Obergeschoßen die OP-Säle und die Küche. 1952 zog die Apotheke in die neuen Räume ein. Wie weitsichtig die damaligen Planer waren, zeigt sich daran, dass wir noch heute in diesen Räumen ausreichend Platz haben, um auch unsere zahlreichen Sonderdienste unterzubringen. Und die Einrichtung der "Offizin", also unseres Verkaufsraums, war bis in die achtziger Jahre ausreichend und war bis dahin voll funktions- und anpassungsfähig an die sich schnell wandelnden Aufgaben der Apotheke.

 

 

Die erste weltliche Apothekenleiterin

Seit 1960 arbeitete Frau Maria Aumeier in der Apotheke und wurde als erste "weltliche" Apothekenleiterin am 1.1.1962 Chefin der Apotheke, als Frater Ansgar gesundheitlich dazu nicht mehr in der Lage war.

Obwohl sie nur 15 Jahre in der Apotheke arbeiten durfte, war sie im Stillen eine Neuburger Institution geworden. Viele Neuburger haben sie wegen ihrer gewissenhaften Art und ihrer menschlichen, mitfühlenden Wärme liebgewonnen und sind Stammkunden – und Freunde - geworden. Wegen ihrer sozialen Einstellung, ihrer Selbstlosigkeit und ihrer Arbeit im Sinne der Barmherzigkeit ernannte sie der Orden der Barmherzigen Brüder zum Ehrenmitglied.

Am 30. Juni 1976 starb Frau Aumeier nach kurzer, schwerer Krankheit.

 

 

 

Infusionslösungen aus unserem Labor

Apotheker Frater Ansgar begann bereits in des fünfziger Jahren, für den Bedarf des Krankenhauses in Neuburg, Krankenhauses, Infusionslösungen herzustellen - für die damalige Zeit eine beachtliche technologische Leistung, steckte doch die Steriltechnik erst in den Kinderschuhen!

Nach dem Ausscheiden von Frater Ansgar entwickelten Frau Apothekerin Aumeier und Frater Dagobert diese neue Technik weiter und passten industrielle Verfahrensweisen an die Möglichkeiten unserer Apotheke an. Und sie erreichten eine erstaunliche Leistungsfähigkeit und Sicherheit! Denn nie erlitten Patienten durch die selbst hergestellten Sterillösungen irgendeinen Schaden.

Um kurz nach zwei Uhr morgens muss der "Apothekenbruder" Dagobert aufgestanden sein, wenn in den sechziger und siebziger Jahren im großen Apothekenlabor Infusionslösungen anzusetzen waren. Wenn um acht Uhr die restliche Apothekenbelegschaft antrat, hatte Frater Dagobert die halbe Tagesproduktion schon alleine bewältigt.

Da waren zunächst die zurückgebrachten, gebrauchten Flaschen zu entbördeln, restlos zu entleeren und in zwei mit GROTANAT-Lösung gefüllten Becken "einzuweichen". Die Flaschen wurden dann mit kräftigem Wasserstrahl mehrfach innen gespült, zum Schluss zweimal mit destilliertem Wasser nachgespült. Das reine Wasser-Destillat kam über eine Zinkleitung aus den beiden Destillatoren des OP-Saales direkt über dem Labor. Die Infusionslösungen wurden in einem fahrbaren, doppelwandigen, dampfbeheizbaren Kessel angesetzt. Die Zuckerlösungen wurden erhitzt, damit die anschließende luftdruckunterstützte Sterilfiltration über den auf dem Kessel angebrachten Asbest-Filter und eine Glassinterfrittenkerze schneller ging. Das Abfüllen war Aufgabe von Apothekenhelferinnen und Apothekerpraktikanten. Manchmal, wenn die abzufüllende Lösung nicht mehr richtig warm war, wurde es richtig langweilig, den Abfüllschlauch mit der Staubschutzglocke am Ende von einer Flasche zur anderen weiterzuführen! Aber wenn man dann nicht aufpasste, lief die klebrige Traubenzuckerlösung über! Und dann musste man selber putzen. Als Dreingabe gabs ein saftiges Donnerwetter von Frater Dagobert...!

 

Etwa fünfhundertfünzig Flaschen war die Tagesproduktion an Kochsalz-, Traubenzucker- und Ringerlösung, denn mehr konnten die beiden Dampf-"Steri"s im Apothekenlabor und im OP-Saal nicht im Laufe eines Tages bei 120° C keimfrei machen. Vor allem im Sommer wurde es im Labor durch den Abdampf des Autoklaven und die durch die Südfenster hereinlachende Sonne gegen Mittag fast unerträglich heiß - und auch damals schon war ein steriles Arbeiten nur mit frischem, hochgeschlossenem, enganliegendem Kittel, Mundschutz und Kopfhäubchen denkbar!

Die Infusionslösungen stellten wir nicht nur für das Neuburger Krankenhaus her, wir belieferten damit auch das Brüder-Krankenhaus in Straubing. Zweimal wöchentlich, manchmal auch öfter, fuhr unser Cehf abends nach Geschäftsschluss noch das Apotheken-Auto, voll- und meistens überladen, nach Regensburg und Straubing.

 

Unser bester Tropfen...

Das Apothekenlabor wird nicht nur heute fleißig benutzt, auch früher war dies so - unter Anderem zur Likörherstellung! Um die 4 - 5000 Liter Likör war unsere Jahres-Spitzenleistung, und bis zu 500 Liter pro Tag! Da brauchten wir nicht viel vom frischen Ansatz zu probieren, allein der inhalierte (!) Alkohol reichte schon aus, um eine gewisse Leichtigkeit beim Arbeiten zu verspüren...

Seit wann unser "St. Wolfgang Klosterlikör" in unserer Apotheke zubereitet wurde, wissen wir nicht. Das Rezept scheint über Benediktinermönche nach Neuburg gelangt zu sein, denn es entspricht weitgehend dem französischen Benedictine-Likör - auch sein ungewöhnlich hoher Alkoholgehalt von 42%.
Besonders wertvoll sind seine Kräuterbestandteile nach einem reichlichen Essen - aber er schmeckt natürlich auch einfach so zwischendurch - gekühlt, aber bitte nicht eiskalt!

 

 

 

 

 

Den "St. Wolfgang Klosterlikör" bereiteten wir bis 2002 selbst zu, aber nur noch in Mini-Mengen für unsere Stammkunden und Freunde. Da jeder Arbeitsgang Handarbeit war, war die Herstellung schon damals eigentlich unrentabel, aber diese Tradition wollten wir nicht einfach aufgeben!

Heute gibt es dafür den "Algasinger Klosterlikör". Er wird nach unserer Neuburger Rezeptur in den Behindertenwerkstätten des Klosters der Barmherzigen Brüder in Algasing (bei Dorfen, Oberbayern) hergestellt und verkauft.

 

Umbruch der Siebziger Jahre

Nach dem frühen Tod von Frau Apothekerin Aumeier hängte ihr Neffe, Apotheker Nicolaus Weigl, die begonnene Promotion an den imaginären Nagel und übernahm, unterstützt vor allem durch den treuen Apotheken-Bruder Dagobert, die Leitung der Apotheke.

In diesen Jahren beschleunigte sich die Technisierung des Apothekerberufs. Die elektronische Warenbestellung führten wir 1977 ein, der erste Computer stand bei uns im Jahre 1984. In diesem Jahr wurde die Apotheke gründlich renoviert und an die neuen Aufgaben angepasst, z.B. die neuen Formen der Krankenhausversorgung. Heller und kundenfreundlicher wurde die Einrichtung, aber die neue Technik sollte sich nicht in den Vordergrund drängen dürfen.

Leider verließen die Barmherzigen Brüder im Jahre 1980 das Krankenhaus - und damit wurde die ehemalige Kloster-Apotheke endgültig zur reinen "weltlichen" Apotheke, die allerdings den traditionellen Namen weiter führen darf.

Unser Wahrzeichen in Form einer Ignaz-Guether-Skulptur des Barmherzigen Samariters (Kopie aus den sechziger Jahren) steht auch noch an seinem angestammten Platz in unserer "Offizin".

Heute haben wir bereits den nächsten Umbau (1992 - 1997) hinter uns - es war wirklich hart an der Grenze des Zumutbaren für unsere Kunden, aber auch für uns!

Bei der neuen Einrichtung sind wir unserem Grundsatz treu geblieben, dass unsere Technik natürlich auf dem jeweils neuesten Stand sein muss, aber wir haben sie gut versteckt! Heute haben wir 5 Computer-Kassen und 9 weitere Computer-Arbeitsplätze und viele andere hochmoderne Geräte!

 

Autor: Apotheke der Barmherzigen Brüder OHG